Die potente Frau

Svenja Flaßpöhler und die #metoo-Bewegung

Swenja Flaßpöhler (*1975) ist eine deutsche Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins. In ihrem 2018¹ erschienenen Buch „Die potente Frau“ setzt sie sich kritisch mit der #metoo-Bewegung auseinander. Sie stellt ihr den Entwurf einer neuen Weiblichkeit und einer neuen weiblichen Sexualität entgegen, in der Frauen ihre Opferrolle und die dieser zugrundeliegenden paternalistischen Strukturen überwunden haben. Darüber hinaus definiert sich die potente Frau nicht länger als Spiegelbild der männlichen Potenz, sondern lebt ihr eigenes lustvolles Begehren und ist damit dem Mann ein „ … gleichwertiges, aber nicht gleiches Gegenüber“ (ebd.: s. 7).

Frau Flaßpöhlers Kritik an der #metoo-Bewegung wurde zwar bereits mehrfach und äußerst kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert, aber mangels Zeit habe ich ihre Schrift (es handelt sich lediglich um etwas mehr als 40 Seiten) erst kürzlich gelesen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich weder etwas vom öffentlichen Diskurs mitbekommen, noch hatte ich mir Gedanken darüber gemacht. Ich war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass „#metoo“ der richtige Schritt auf dem feministischen Weg zur endgültigen Gleichstellung der Frau sei. Durch Frau Flaßpöhler wurde mir klar, dass ich mit dieser Annahme falsch lag. Da ich ihre Argumente sowie das von ihr gezeichnete neue Frauenbild interessant und überzeugend finde, fasse ich ihre Kernaussagen hier noch einmal für alle diejenigen zusammen, die noch keine Gelegenheit hatten, das Buch zu lesen.

Der Hashtag-Feminismus und seine Folgen

Am provokantesten ist wohl die Frage der Autorin, was „ … Frauen zur Festigung der männlichen Macht, die immerhin keineswegs mehr rechtlich legitimiert ist, selbst beitragen“ (ebd.: S. 9). Ob nicht gerade der Hashtag-Feminismus mit seinem Ruf nach mehr staatlichem Schutz von Frauen vor männlicher Gewalt ein Frauenbild festschreibt, das von der schutzbedürftigen, dem Mann hilflos ausgelieferten Frau ohne eigenes sexuelles Begehren ausgeht. Wobei der Begriff „männliche Gewalt“ im #metoo-Kontext nicht einmal eindeutig definiert wird.

Natürlich geht es Frau Flaßpöhler nicht darum, männliche Gewalt zu verharmlosen, sondern stärker zu differenzieren, wann es tatsächlich um diese geht wie zum Beispiel bei einer Vergewaltigung, die zweifelsohne rechtlich zu verfolgen ist, oder wann es „nur“ um nichtkörperlich übergriffige, sondern verbale Formen von Belästigung geht, die Frauen durchaus selbst parieren könnten. Den möglichen Einwand, dass Frauen mitunter Nachteile erfahren, wenn sie sich diesen Formen von Belästigungen – wie zum Beispiel der Anmache durch den Chef – widersetzen, kontert sie vorsorglich mit dem Hinweis, dass eine selbstbestimmte Haltung eben auch die Bereitschaft erfordert für sich selbst einzustehen – notfalls auch dann, wenn dies mit negativen Konsequenzen einhergeht. Nur wenn Frauen bereit sind, aktiv aus der Opferrolle auszusteigen, könnten sie Selbstbestimmtheit lernen und eine gleichwertige gesellschaftliche Stellung überhaupt erst beanspruchen.

Hinzu kommt, dass die Auseinandersetzung zwischen Frau = Opfer und Mann = Täter nicht im Dialog, sondern über #metoo öffentlich geführt wird, und zwar ohne dass der „Angeklagte“ die Möglichkeit zur Verteidigung hat. Durch diese öffentliche Anklage erfolgt eine Vorverurteilung ohne sachliche Überprüfung der Vorwürfe, die zu einer existenziellen Vernichtung der Betroffenen führen kann. Mit Rechtsstaatlichkeit hat dies dann nichts mehr zu tun.

Weibliche Sexualität und Begehren

Die Folgen von #metoo sind aber noch weitreichender, wenn es um weibliche Sexualität und Begehren geht. Denn die Bewegung befasst sich hauptsächlich damit, Frauen generell vor männlicher Lust zu schützen, ohne sich damit auseinanderzusetzen, wie es denn genuin um die Lust der Frau bestellt ist und läuft damit Gefahr, dass sich weibliche Lust – sofern überhaupt vorhanden – nur als Reaktion auf männliche Lust entfaltet. Dabei bedeutet Emanzipation eben auch, die eigene weibliche Sexualität und das eigene Begehren anzuerkennen und auszuleben und nicht allein reaktiv auf die sexuellen Wünsche des Mannes einzugehen. Erst in Folge der Akzeptanz eigener weiblicher Lust kann es dazu kommen, dass es „ … zwei potente Geschlechter (gibt), die sich in der Fülle begegnen. Denn um wieviel reicher wäre eine Kultur, der eine Gleichberechtigung auch im Sexuellen gelänge?“ (ebd.: S. 22)

Kritik von Lebensformen

An anderer Stelle greift Frau Flaßpöhler noch ein weiteres, in der feminischtischen Debatte „heißes“ Thema auf, nämlich die „Kritik von Lebensformen“. Sie bezieht sich dabei auf die Habilitationsschrift der Philosophin Rahel Jaeggi² , in der diese den philosophischen Grundsatz in Frage stellt, „dass jeder Mensch selbst entscheiden müsse, wie er lebe“ (ebd.: S. 29). Dabei geht es Frau Flaßpöhler um die Auseinandersetzung darüber, ob Frauen, die patriarchale Weiblichkeitsstereotype repräsentieren und sich damit auf gefallsüchtige Sexobjekte reduzieren lassen, weil sie zum Beispiel an Casting-Shows wie Germany’s Next Topmodel teilnehmen, nicht durchaus kritisiert werden dürften. Darf eine Frau wie das Model Gina-Lisa Lohfink³ von Feministinnen zur Heldin stilisiert werden, obwohl sie eine „Lebensform“ repräsentiert, die zentrale Errungenschaften des Feminismus verrät und negiert? (ebd.: S. 28) Denn „Geschlechterrollen, die wir im Alltag leben, sind immer auch politisch. Und als solche sind sie ein Gradmesser für Fortschritt – oder auch Rückschritt“. (ebd.: S. 29)

Sofern der Hashtag-Feminismus solcher Art Lebensentwürfe nicht in Frage stellt, verfestigt er ein männlich geprägtes Frauenbild, das Frauen davon abhält, in ihre eigene Kraft zu kommen – sowohl gesellschaftlich als auch sexuell.

Die Theorie des dekonstruktiven Feminismus

Wie konnte es nun dazu kommen, dass Frauen nach vor im Opferstatus verharren? Frau Flaßpöhler verweist diesbezüglich auf den „dekonstruktiven Feminismus“, einer im wesentlichen von der amerikanischen Philosophin Judith Butler vor ca. 30 Jahren entwickelten Theorie über die Zweiteilung der Geschlechter, die die Einteilung in die Kategorien Mann und Frau bzw. männlich und weiblich für fragwürdig und sozial konstruiert hält. Frau Butler argumentiert, dass die dieser Einteilung zugrundeliegenden biologischen Unterschiede keineswegs ausreichend sind, um daraus Wesensunterschiede zu schlussfolgern, die ihrerseits wiederum unterschiedliche soziale Verhaltensweisen normieren.

Sobald aber Geschlechtsidentität nicht länger ein Kriterium für die Einteilung des Menschen in Männer und Frauen ist, existiert eben auch „Die Frau“ nicht mehr und mit ihr keine weibliche Potenz! Obwohl die Sichtweise Judith Butlers die theoretische Auseinandersetzung mit den Prädikaten „männlich“ und „weiblich“ einerseits durchaus befruchtet hat, hat sie andererseits die Emanzipation der Frau – vor allem in sexueller Hinsicht – eher behindert.

Weiblichkeit und „Neue Phänomenologie“

Zwangsläufig kommt Frau Flaßpöhler damit zu der Überlegung, dass es zwischen der Festschreibung eines durch Wesensunterschiede gegenüber dem Männlichen geprägten Frauenbildes und eines dekonstruierten Frauen-, aber auch Männerbildes, noch einen dritten Weg geben müsse, den sie gegen Ende ihres Buches aufzeigt.

Sie bedient sich hierzu einer alten philosophischen Theorie in neuem Gewand, und zwar der „Neuen Phänomenologie“. Statt das Sein zum Gegenstand der Erkenntnis zu erheben, fokussiert sich diese Denkströmung auf das subjektive Erleben. Im Zusammenhang mit der Entwicklung einer neuen Weiblichkeit ist damit gemeint, dass es nicht um körperliche Unterschiede zwischen Mann und Frau geht, sondern um „leibliche“. Während der Körper eine physikalische Größe darstellt, beschreibt der Leib die Erfahrung, die von innen wahr genommen wird, denn Menschen haben unterschiedliche leibliche Erfahrungen, abhängig davon, ob sie mit männlichen (Penis) oder weiblichen (Vagina, Brüste) Merkmalen ausgestattet sind. Konkret ausgedrückt: ein Mensch mit einem Penis kann nie das leibliche Erlebnis haben wie ein Mensch, der eine Vagina hat und Brüste, die ein Kind stillen können oder wie sich Menstruation und Schwangerschaft anfühlen. Oder umgekehrt: ein Mensch, der keinen Penis hat, kann nicht erspüren wie sich Penetration anfühlt.

Daraus folgt, dass der Dialog zwischen den Geschlechtern, der Austausch über das Erleben der unterschiedlichen Leiblichkeit unabdingbar ist, um gemeinsam die Kategorien Frau und Mann zu überwinden und ein ebenbürtiges Verhältnis zu etablieren – eine gleichwertige Beziehung, in der sich jeder seiner Möglichkeiten bewusst ist und diese leben darf.

Titelbild

Fazit

Die potente Frau ist hingegen nun wiederum nicht die Frau, die alle auf ihr Frausein bezogenen Möglichkeiten tatsächlich leben muss wie zum Beispiel Kinder gebären, sondern „die ihre Kraft vielmehr aus der Möglichkeit schöpft. … Die nicht realisierte Option ist dabei nicht weniger wert als die realisierte.“ (ebd.: S. 39). Gleichwohl ist die potente Frau an einem ganz sicher nicht interessiert: und zwar nun ihrerseits den Mann zu unterdrücken. Im Gegenteil, die potente Frau, die in ihre Kraft gekommen ist, nimmt dem Mann die Angst vor dem Weiblichen und ermöglicht damit auch ihm, seine Kraft zu leben, ohne diese durch Unterdrückungsmechanismen festigen zu müssen.

Der Schlussappell lautet folgerichtig „Hören wir also auf, die männliche Macht zu stützen, indem wir uns schwächer machen, als wir sind. Fangen wir an, das Mögliche im Wirklichen zu realisieren. Und zwar genau jetzt.“ (ebd.: S. 44)

„Die potente Frau“ ist meines Erachtens ein wichtiger Beitrag im feministischen Diskurs, den wir durchaus Ernst nehmen sollten, wenn wir an einer konstruktiven Weiterentwicklung der Geschlechterbeziehung interessiert sind.

¹ Flaßpöhler, Svenja (2018): Die potente Frau, 5. Auflage, Berlin: Ullstein Verlag
² Jaeggi, Rahel (2014): Kritik von Lebensformen, Berlin: Suhrkamp Verlag

³ Gina-Lisa Lohfink ist ein deutsches Modell⁴. Bekannt wurde sie 2008 durch ihre Teilnahme an der dritten Staffel von Germany’s Next Topmodel. Im Sommer 2016 stellte sie nach Veröffentlichung eines Amateurpornos, auf dem zwei Männer sexuell mit ihr verkehrten, Strafanzeige wegen Vergewaltigung. In Folge wurde sie wegen falscher Verdächtigung angeklagt und letztlich rechtskräftig zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro verurteilt. Der Fall bewirkte große mediale Aufmerksamkeit und eine breite öffentliche Debatte, nicht zuletzt um das Sexualstrafrecht.

⁴ s. Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Gina-Lisa_Lohfink

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